"Man muss den Menschen Freiraum geben"

Hamburger Abendblatt: Herr Schönecke, wir treffen uns heute, weil Sie eine Wette verloren haben. Sie sagten, die Zukunftswerkstatt in Buchholz werde bis Anfang Juni dieses Jahres fertiggestellt sein. Wir wetteten dagegen - jetzt wurde gerade erst der Grundstein gelegt. Warum steht die Zukunftswerkstatt noch nicht?

Heiner Schönecke:  (überreicht den Wetteinsatz - ein kleines Fass Bier aus Dibbersen und zwei Gläser hausgemachten "Eierschluck" von seinem Geflügelhof in Elstorf): Die Politik hat berechtigterweise im Kreistag nachgefragt, wie wir die laufende Finanzierung sicherstellen wollen. Im vergangenen Jahr hat sich ja eine Lücke von 300.000 Euro aufgetan.

Der Landkreis Harburg sprang schließlich ein und steuerte die Summe plus 50.000 Euro als Puffer bei. Erst dann konnten die Planungen für das Projekt, das rund 2,3 Millionen Euro kostet, weitergehen. Außerdem kam noch der lange Winter dazu - jetzt sind wir ein dreiviertel Jahr später dran.

 

Hamburger Abendblatt: Sie sind 67 Jahre alt und seit 41 Jahren politisch für die CDU aktiv. Was treibt Sie an, noch immer in zahlreichen Ausschüssen, Gremien, im Kreistag des Landkreises Harburg und im Niedersächsischen Landtag tätig zu sein?

Schönecke: Ich war immer ein Kind des Landkreises Harburg und des südlichen Hamburgs. Die Freude, für meine Nachbarn und meine Bürger da zu sein, stellt mich ohne Ende zufrieden - ganz gleich, ob es früher um Straßenlaternen in Neu Wulmstorf ging oder heute um soziale Themen in der Region.

 

Hamburger Abendblatt: Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Heiner Schönecke aus?

Schönecke: Der Wecker klingelt bei mir um 5.40 Uhr, auch wenn ich am Tag zuvor spät nach Hause gekommen bin. In der Regel frühstücke ich mit meinem Sohn Henner, der den Betrieb führt. Wenn ich in Hannover um 9 Uhr zum Vorgespräch eines Ausschusses sein will, muss ich zwei Stunden vorher losfahren, entweder mit dem Auto oder mit der Bahn. Ich übernachte auch manchmal in Hannover im Hotel, wenn es abends spät wird und es am nächsten Morgen früh losgeht. Im Schnitt bin ich drei Tage in Hannover und vier Tage im Landkreis Harburg.

 

Hamburger Abendblatt: Am 20. Januar dieses Jahres haben Sie zum dritten Mal mit 45,5 Prozent der Erststimmen den Wahlkreis Buchholz direkt gewonnen. Jetzt sitzen Sie im Niedersächsischen Landtag zum ersten Mal in der Opposition. Wie gefällt Ihnen diese neue Rolle?

Schönecke: Die andere Rolle war spannender, weil ich neue Netzwerke aufbauen konnte im Landkreis Harburg und weil ich Dinge schneller umsetzen konnte. In der Opposition beobachtet man die Regierung etwas strenger und schärfer. Aber die Umsetzung von eigenen Ideen ist als Oppositionspolitiker schwieriger.

 

Hamburger Abendblatt: Können Sie in der Opposition denn überhaupt Ihren Einfluss geltend machen, wenn Sie die Anliegen des Landkreises unterstützen wollen?

Schönecke: Ich nenne einmal ein Beispiel: den Ausbau des schienengebundenen Personenverkehrs südlich von Hamburg. Ich möchte mich um den Pendler kümmern, der morgens um 6 Uhr an der Bahnsteigkante steht und nach Hamburg zur Arbeit will. Der Schienenverkehr in der südlichen Metropolregion Hamburg muss ausgebaut werden, es gibt einen Bedarf. An dieser Problematik kommt auch die rot-grüne Regierung in Hannover nicht vorbei. Ich traue mir zu, hier auch Verbündete im Regierungslager zu finden.

 

Hamburger Abendblatt: Sie sind ja ein Netzwerker. Wie viele Telefonnummern stehen in Ihrem iPhone? Ist die von Angela Merkel auch dabei?

Schönecke: Die Handynummer der Kanzlerin habe ich nicht. Aber ich habe die Handynummer des Parlamentarischen Geschäftsführers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Grosse-Brömer aus Brackel - das ist, was Berliner Kontakte angeht, eine ganz wichtige Handynummer. Die Nummern der niedersächsischen Bundestagsabgeordneten von Ursula von der Leyen bis Enak Ferlemann stehen natürlich auch in meinem Register. Insgesamt komme ich auf rund 500 Nummern.

 

Hamburger Abendblatt: Was sind Ihre wichtigsten politischen Ziele im Niedersächsischen Landtag in dieser Legislaturperiode?

Schönecke: Ich möchte das Thema Heidewasser und die Problematik drumherum zu einem guten Ende führen. Die Hamburger Wasserwerke sind gesprächsbereit. Die niedersächsische Landesregierung wäre gut beraten, diesen Gesprächsfaden aufzunehmen. Die Wasserwerke sind sehr daran interessiert, dass sie die Grundwasserentnahmen ausgleichen können. Dieser Ausgleich muss vor Ort für die Grundwasserneubildung für die Zukunft gesichert werden. Ein zweites Ziel ist, dass wir endlich zu klugen und zukunftsfähigen Lösungen für den schienengebundenen Nahverkehr in der südlichen Metropolregion Hamburg kommen.

 

Hamburger Abendblatt: Sie fordern eine S-Bahn nach Tostedt und Lüneburg. Werden Sie die Jungfernfahrten noch erleben?

Schönecke: Ich glaube, mein Gesundheitszustand ist so gut, dass ich in der S-Bahn mitfahren werde.

 

Hamburger Abendblatt: Sie sind Elstorfer. Ihr Bezugspunkt war aber immer Harburg...

Schönecke: Seit 1914 fährt die Familie Schönecke mit Geflügel, Eiern und landwirtschaftlichen Produkten auf den Harburger Wochenmarkt. Mit meinem Enkelsohn ist das die fünfte Generation. Die Stadt Harburg ist für mich immer Lebens-Mittelpunkt gewesen.

 

Hamburger Abendblatt: Welche Kernaufgaben hat der Landkreis Harburg in den kommenden Jahren zu bewältigen?

Schönecke: Wir müssen für die vielen Pendler die Grenze zwischen Hamburg und Niedersachsen so gestalten, dass sie kaum auffällt.

 

Hamburger Abendblatt: Mögliche Erdöl- und Erdgasbohrungen mit der umstrittenen Fördermethode Fracking beschäftigen sehr viele Menschen im Landkreis Harburg. Wird es zum Fracking in der Region kommen?

Schönecke: Ich weiß nicht, wie die Gerichte entscheiden, wenn die Energiefirmen ihre Pläne weiter verfolgen. Ich persönlich finde es unerträglich, dass wir in einem Landkreis mit viel Natur und viel Wasser nach Gas bohren, indem wir Chemie in die Erde bringen. Ich kann mir etwas Klügeres vorstellen, wie man mit der Erde umgeht.

 

Hamburger Abendblatt: Können Sie sich vorstellen, bei der nächsten Landtagswahl noch einmal anzutreten?

Schönecke: Ich mache das davon abhängig, wie ich mich gesundheitlich fühle. Die Entscheidung steht frühestens 2017 an.

 

Hamburger Abendblatt: Warum sind Sie eigentlich Christdemokrat und nicht Sozialdemokrat geworden?

Schönecke: Unsere Familie ist kleinbäuerlich strukturiert. Viele Betriebsräte und Eisenbahner im weiteren Umfeld. Es wurde immer viel politisch diskutiert zu Hause. Mein Vater konnte es nicht verstehen, dass ich Mitglied einer politischen Partei geworden bin - und dann noch in einer konservativen.

1972 habe ich mich über einige Dinge in Elstorf geärgert. Dann haben einige Ratsherrn gesagt, "dann mach's doch besser. Geh doch in den Gemeinderat und kandidiere für die CDU!" Andere Parteien standen für mich nicht zur Debatte. Ich bin lutherischer Christ. Solche Menschen wie Walther Leisler Kiep, Norbert Blüm und auch Heiner Geißler haben mich an dieser CDU begeistert - das war eine breite Aufstellung.

Ich bin ein großer Freund davon, Menschen zu begeistern, sich selbstständig zu machen - das konnte ich in der CDU am besten ausleben. Man muss den Menschen Freiraum zum Handeln geben - Sozialdemokraten neigen doch eher dazu, diesen Freiraum einzuschränken.