Elstorfs Torfgrube: Ein Moor wie ein Fliegenschiss

 

Wer von der B 3 von Buxtehude kommend kurz hinter dem Elstorfer Ortseingang gleich rechts in die erste kleine Nebenstraße einbiegt, findet in diesen Tagen einen frisch gepflasterten Bürgersteig vor, und an den Häusern am Feldrand am Ende der Straße die Protestschilder der Bürgerinitiative Elstorf-West, die sich dagegen wehrt, dass die künftige Elstorfer Ortsumgehung nach derzeitigem Stand der Planung nur 100 Meter hinter ihren Häusern gebaut werden soll. Weder auf Moor noch auf Fliegen deutet hier irgendetwas hin, und selbst im Hochsommer sind die Insekten hier nicht häufiger anzutreffen als andernorts.

Im Fliegenmoor lässt es sich also gut leben, das weiß keiner besser als der prominenteste Bewohner der Straße: Heiner Schönecke, Senior-Chef des gleichnamigen Geflügelhofs, kommunalpolitisches Urgestein im Landkreis Harburg und derzeit CDU-Landtagsabgeordneter, ist im Fliegenmoor geboren – dem Stammsitz seiner Familie, die sich dort vor gut 200 Jahren niedergelassen hat. Von seinen Ahnen kennt Schönecke nur eine Erklärungsvariante für den Straßennamen.

 

Ein Urgestein aus dem Fliegenmoor : Heiner Schöneckes Familie lebt seit Generationen in der Straße mit dem einzigartigen Namen. Foto: Michaelis

Das Gelände nördlich des Hofes der Familie war tatsächlich ein Moor, in dem noch bis zum Zweiten Weltkrieg Torf abgebaut wurde, weiß Schönecke. Die Torfgrube hinter dem Hof der Familie ist auf alten Fotos noch zu sehen, und auf der Moorwiese, die heute mit Buschwerk dicht zugewachsen ist, konnte er als Kind im Winter Schlittschuh laufen, wenn die Wiese überflutet und das Wasser zugefroren war, erinnert sich Schönecke.

Fliegender Sand oder Fliegenschiss

Aber warum Fliegen? Die Erklärung, die Schöneckes Ahnen ihm erzählt haben, ist die gleiche, die auch der Moisburger Heimatforscher Reinhard Dzingel für den Namen gefunden hat: Wenn es im Sommer trocken war, staubte die Torfschicht im Moor, und der Wind ließ den Sand hoch durch die Luft fliegen. Daraus entstand eines Tages der Name Fliegenmoor.

Ganz anders indes lautet die Erklärung, die der Immenbecker Platt-Experte Walter Marquardt in seinen langen Recherchen über plattdeutsche Flurbezeichnungen herausgefunden hat. Mit fliegendem Sand habe das nichts zu tun, vielmehr stehe der Begriff „fleegen“ oder „de Fleeg“ im Plattdeutschen für etwas Kleines, etwas, das so groß sei wie eine Fliege, erklärt Marquardt. Und im Vergleich zu den früheren riesigen Moorflächen, die die Elstorfer Bauern etwa im Moorgürtel südlich der Bahnlinie hatten, sei das Moor am Elstorfer Ortseingang in der Tat ein sehr kleines Moor gewesen.

Deshalb hätten es die Elstorfer etwas spöttisch Fliegenmoor genannt, nicht „lütt Moor“, was neutral „kleines Moor“ bedeutet hätte, sondern etwas abschätzig „fleegen Moor“, ein Moor so groß wie ein Fliegenschiss, berichtet Marquardt. Heiner Schönecke indes kann mit beiden Erklärungen gut leben. Ob nun fliegender Sand oder ein Moor so groß wie ein Fliegenschiss – „dieser Straßenname ist einzig in Deutschland. Ich bin hier geboren und ich werde hier bleiben bis zum Ende“, sagt Schönecke.