Kirchen warnen

„Niemand darf allein sterben. Wir haben die Pflicht, dass wir bei den sterbenden Menschen sind“, erklärte der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Im März und April hätten sich die Kirchen und andere gesellschaftliche Gruppen in einer „Schockstarre“ befunden, meint der katholische Bischof. Wenn die Kirchen in dieser Zeit Sterbende alleingelassen haben, müsse man sich heute mit der Frage beschäftigen, ob man die Angehörigen um Vergebung bitten muss, so Wilmer. Man werde sich nun dafür einsetzen, dass Verwandte bei der Krankensalbung anwesend sein dürfen. „Die Kirche hat nach dem Stand der Kenntnis damals vernünftig gehandelt“, ergänzte Ralf Meister, Bischof der Landeskirche Hannovers und Ratsvorsitzender der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen. Heute wisse man allerdings viel mehr über das Corona-Virus und habe die entsprechende Schutzausrüstung, die auch die Anwesenheit von Angehörigen ermögliche.

Mit Blick auf die Bildung sprechen sich die Bischöfe dafür aus, den Schulbetrieb nach Möglichkeit aufrechtzuerhalten. „Homeschooling ist sicher nicht verkehrt, aber der Schulbesuch ist besser“, sagte Bischof Wilmer. „Kinder und Jugendliche müssen jetzt weiterhin den Sozialkontakt zu Gleichaltrigen halten können“, heißt es dazu in der gemeinsamen Erklärung. Den Vorschlag der CDU Landtagsfraktion, den Schulbetrieb an den Tagen vor Heiligabend bereits früher zu beenden und auf Homeschooling umzustellen, begrüßen die Bischöfe. Ziel dieser Maßnahme ist es, dass die Kinder nach einer solchen fünftägigen Quasi-Quarantäne unbesorgt ihren Großeltern begegnen können. „Die Schulen vor Weihnachten etwas früher zu schließen, halten wir für eine gute Sache“, sagte Bischof Meister.

Dass zu Weihnachten und auch an den kirchlichen Festen in der Zeit bis dahin Gottesdienste stattfinden können, sagen die Geistlichen mit „hoher Verlässlichkeit“ zu. Es werde allerdings einen bunten Strauß an Gottesdienstformaten geben, unterstrich der Landesbischof der Landeskirche Hannovers. Sie würden vielfältiger, kürzer und kälter sein und sich nicht allein auf die Zeit von 14 bis 23 Uhr am 24. Dezember beschränken können. Bei der Planung spekuliere man nicht über eine mögliche neue Corona-Verordnung, sondern orientiere sich an den aktuell gültigen Vorgaben, berichtete Meister. Dabei berufen sich die Kirchen auf den Paragraphen 9 der Verordnung, der Gottesdienste von zahlreichen Beschränkungen ausnimmt, sofern ein Hygienekonzept vorliegt. „Die Auflagen für Gottesdienste stellen einen Eingriff in die Religionsfreiheit dar, den wir mittragen“, erklärte der Hildesheimer Bischof Wilmer. Es sei aber wichtig, dass Kirchen als Orte der Besinnung, der Stille und des Gebets geöffnet bleiben. „Spiritualität allein kann das Virus nicht besiegen, aber sie hilft, die Hoffnung hochzuhalten und stark zu bleiben“, so Wilmer.

Sollten sich Kirchengemeinden nun aus Angst vor einem erhöhten Infektionsgeschehen selbst beschränken und Gottesdienste und andere Veranstaltung pauschal absagen, erkennt Bischof Meister darin eine Gefahr für die Freiheit. „Wenn die Gesellschaft in der Pandemie in der Angst gefangen bleibt, wird es auch keinen Ausgang aus der Situation geben. Dann ist die einzige Konsequenz, dass wir eine Ordnungspolitik machen, die totalitär wird und die gegenüber dem Lebensschutz alle Freiheitsrechte kassiert. Das kann keine Option einer demokratischen Gesellschaft sein.“ Mit der gemeinsamen Erklärung der Bischöfe möchte Meister daher einen Kontrapunkt setzen zu der aktuell durch Regelungen und Mahnungen charakterisierten Zeit. „So wichtig die regelmäßigen Ermahnungen der Bundeskanzlerin, der Ministerpräsidenten und der Kommunen auch sind, kann und darf das nicht das sein, was die Kirchen tun“, sagte Meister. Die Botschaft zu Weihnachten sei schließlich: „Fürchtet euch nicht!“